Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten!
Im NOVEMBER 2017 würdigen wir einen Mundart-Dichter aus dem Thüringischen früherer Zeit. Als eines der letzten (hier noch nie gezeigten) "Gedichte großen Formats" stellen wir die Sestine vor. Und sonst - mal sehn!

Freitag, 17. November 2017

November – ein Monatsbild

Gerard Horenbout u. a.: Breviarium Grimani, Monatsbild November (Buchmalerei/Pergament, ~1510)
Standort: Nationale Markusbibliothek, Venedig; Quelle: wikimedia.commons; gemeinfrei.
Der November diente in weiten Teilen Deutschlands noch der Schweinemast: die Schweine
 wurden in den Wald getrieben, um sich an Eicheln, Bucheckern und Kastanien vollzufressen.
Noch heute erkennt man solche alte "Hutewälder" an ihrem Eichen- und Buchenbestand.

November – ein Monatsbild

November, auch der Nebelmond genannt,
hat längst schon angezogen grau Gewand.
                                                 ./.
Die Schweine hat man in den Wald getrieben
weil sie Kastanien wie auch Eicheln lieben.
Gemästet war das Vieh ein Leckerbissen,
um den sich selbst die Adelsleute rissen.

Der arme Mann verkam zum Fallensteller,
mit leerer Vorratskammer, leerem Keller:
durch Not gezwungen wurde er zum Diebe.
Und hatte Glück, bezog er nur die Hiebe.

Am Martinstag war Zahltag für die Pachten –
die Armen zahlten – und blieben die Verlachten.
Gedanken gehen noch zu unsren Ahnen,
die an das eigne Ende uns gemahnen.
                                                 ./.
So geht das Jahr, schon naht sich der Advent;
am Kranze bald die erste Kerze brennt.

© lillii (L-R., 07.11.2017)
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○ Link auf eine populäre Darstellung des November in mittelalterlicher Zeit.
○ Link auf eine Sammlung Lyrik- und Prosa-Titel über den November.

Dienstag, 14. November 2017

Die Sestine: (3/3) – in vollendeter Art

(A) Das Anliegen

Die Sestine gilt in jeder Spielart als schwierig – zumindest "beim ersten Male".
Im Deutschen wurde sie zunächst von Martin Opitz nachgebildet, dann hat sich Schottel ihrer angenommen; auch die Schäferstündchen-Dichter haben sie "gebraucht". Dann brachten sie die deutschen Romantiker unter das Volk, und eigentlich sollte im nächsten Absatz die (einzige) Sestine Joseph Frhr. von Eichendorff's stehen, die zu ihrer Zeit tüchtig Furore gemacht hatte. Aber auch das Genie Eichendorff hat Regeln und Rhythmus nicht eingehalten – und so haben wir Friedrich Rückert das Feld überlassen!
Wer den Einstieg ins Format der Sestine über die zwei Vorstufen mit weniger Versen (also nur 2 oder 4 ZSW) und über die volle Sestine mit "6 durchgeschobenen ZSW" verinnerlicht hat, verfügt über alle Chancen, auch hier zurechtzukommen – wenn die Sestine in der Fassung "non plus ultra" vorgestellt und abgehandelt wird! 
Zur Abb.:
Friedrich Rückert (1788-1866), Carte de Visite (1876) nach einem Gemälde von B. Semptner.
Reproduktion G. J. Radig (2009).  Quelle: wikimedia.commons; Liz.: gemeinfrei.

(B) Rückert's Sestine – ein Beispiel in vollendeter Art

Hier also das Einführungsbeispiel zur vollendeten Sestine – vom wohl produktivsten deutschen Dichter des 19. Jh. – heute weitgehend vergessen:

Friedrich Rückert: Sestine (aus den italienischen Gedichten):
Wenn durch die Lüfte wirbelnd treibt der Schnee.
Text nach der Ausgabe im Verlag J. D. Sauerländer, Frankfurt/M., 1841.
Anm: Im Internet ist nur das Google-Faksimile von Rückert's Gedicht fehlerfrei!

Wenn durch die Lüfte wirbelnd treibt der Schnee,
Und lauten Fußtritts durch die Flur der Frost
Einhergeht auf der Spiegelbahn von Eis;
Dann ist es schön, geschirmt vorm Wintersturm,
Und unvertrieben von der holden Glut
Des eignen Herds, zu sitzen still daheim.

O dürft' ich sitzen jetzt bei der daheim,
Die nicht zu neiden braucht den reinen Schnee,
Die mit der sonn'gen Augen sanfter Glut
Selbst Funken weiß zu locken aus dem Frost!
Beschwören sollte sie in mir den Sturm,
Und tauen sollte meines Busens Eis!
. . .
1: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-

6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-
. . .

An Rückert's Beispiel einer Sestine können wir als wirkliche Neuerung den Umgang mit den Zeilenschlussworten (ZSW) in den Folgestrophen erkennen, denn sonst ändert sich an ihrem Aufbau nichts weiter.
● sie hat 6 Strophen (gezeigt sind  hier nur die ersten beiden) zu je 6 Versen;
● die Metrik ist jambisch und 10/11-silbig. Ausnahmsweise ist hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik zur Verdeutlichung angegeben.
● es werden 6 ZSW gebraucht, und Rückert verwendet neben 5 Substantiven nur eines einer anderen Wortart – ein bisschen schade!
● die ZSW reimen nicht – hier jedenfalls tun sie es nicht, könnten es aber.
● das Verfahren für die Anordnung der ein für allemal feststehenden ZSW in den Folgestrophen ist bei einer "Sestine in vollendeter Art" ein komplizierteres Verfahren, als nur das bloße Durchschieben der ZSW nach unten.
Zwar wird in jeder Strophe zunächst durchgeschoben und das aus der untersten (sechsten) Position hinausgeschobene ZSW in der jeweiligen Folgestrophe als oberstes gesetzt,  a b e r  die anderen vier ZSW werden systematisch auf ihren Plätzen vertauscht /die Regel wird in (C) angegeben/.
● Herausforderung wie Chance scheinen nach wie vor gute Übergänge zwischen den Strophen zu sein – da kann der Dichter erfinderisch sein (siehe oben die Handhabung von "daheim").
Doch davon abgesehen, wird dem Sestine-Dichter zugemutet, viel umsichtiger seine ZSW zu wählen und viel lockerer mit ihnen umzugehen, weil er in einer Folgestrophe kaum Ansatzpunkte findet, die Ideen aus der Abfolge in der vorherigen Strophe "bloß ein wenig abzuwandeln"!

(C) Die Sestine "in vollendeter Art"

● Mit ihren wieder 6 ZSW ergibt sich ihr Format zu 6x6+6/2=39 Versen, die in 6 Strophen zu je 6 Zeilen und eine abschließende Geleitstrophe von drei Zeilen gegliedert sind;
in jeder Strophe kommen alle 6 ZSW vor, und zwar im Hauptteil nur an den Versenden, im Geleit je zwei pro Vers: eines in der "vorderen Hälfte", das andere wieder strikt am Versende;
● der Rhythmus fordert unbetonte Versanfänge bei Verslängen von 10/11 Silben (also jambisch und wie beim Sonett);
● die Verse müssen nicht gereimt sein (sind es auch meistens nicht), dürften es aber;
● das "Durchschieben der ZSW nach unten mit Umstellen der restlichen" erfolgt im Hauptteil bei einer "Sestine der vollendeten Art" nach dem folgenden streng einzuhaltenden Schema:
Nummeriert man die ZSW der Strophe (I) durch, so gilt:
(I) 1,2,3,4,5,6 → (II) 6,1,5,2,4,3 → (III) 3,6,4,1,2,5 → (IV) 5,3,2,6,1,4 →
(V) 4,5,1,3,6,2 → (VI) 2,4,6,5,3,1.
● mit den von uns gewählten sechs ZSW – 4 Substantive und zwei Verben – liegt das Schema der ZSW-Umstellungen in folgender Weise konkret fest:
erzählen, ~Text, Verse, Strophen, ~schaffen, Gedicht →
Gedicht, erzählen, ~schaffen, ~Text, Strophen, Verse →
Verse, Gedicht, Strophen, erzählen, ~Text, ~schaffen →
~schaffen, Verse, ~Text, Gedicht, erzählen, Strophen →
Strophen, ~schaffen, erzählen, Verse, Gedicht, Text →
Text, Strophen, Gedicht, ~schaffen, Verse, erzählen.
● Anm.: Die Tilde steht für andere Vorsilben, z. B. beschaffen; Prosa-Text.


Der (ver)zweifelnde Poet

Du möchtest etwas freiheraus erzählen,
das dir zu schade scheint für schlichten Text,
und dächtest drum, du setztest es in Verse?
Nach Regeln bildest du aus denen Strophen,
die ihren Eindruck uns erst dann verschaffen,
wenn du das Ganze vorträgst als Gedicht!

Du meinst, es wäre einfach, im Gedicht
uns einen Inhalt bündig zu erzählen,
obwohl Gedichte das ganz anders schaffen,
als eben so ein bloßer Prosa-Text.
Es zahlt sich aus, weil diese festen Strophen
so gut verwahren die geschliff'nen Verse!

Die Sorgfalt richtet sich zunächst auf Verse –
nach ihnen heißt mitunter das Gedicht –
und Namen geben sie selbst manchen Strophen.
Erst dann geht es so richtig ans Erzählen,
das ist genau so wie bei jedem Text,
nur Aufwand kann man sich damit viel schaffen.

Will man für die ganz eignen Zwecke schaffen,
bedarf es augenscheinlich nicht der Verse:
man setzt sich hin, schreibt nieder seinen Text,
hat auch im Hinterstübchen kein Gedicht –
mag sonst wer Gegenteiliges erzählen:
der Alltag wird nicht eingeteilt in Strophen.

Besonderes fügt sich von selbst zu Strophen,
es ist auf seine eigne Art beschaffen …
Ein guter Schreiber schüttelt beim Erzählen
in einem fort – wie aus dem Ärmel – Verse,
bis er uns hochbeglückt zeigt sein Gedicht
das er für besser hält als jeden Text!

Wer ist so selbstkritisch zu seinem Text
und meint, es ginge diesmal nur in Strophen,
denn offensichtlich sei das ein Gedicht?
Mit dem lässt sich tatsächlich Eindruck schaffen,
man lauscht dir ganz gespannt auf deine Verse …
Ach – hast du wirklich etwas zu erzählen?

Du willst erzählen / bündig deinen Text?         
dann füge Verse / einsichtig zu Strophen –               
sie schaffen, was du suchst / ein gut Gedicht!


1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-

6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u

3: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-u

5: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u

4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-

2: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u

1+2: u-u-u-u-u-
3+4: u-u-u-u-u-u
5+6: u-u-u-u-u-
     
 ● Da die 6 ZSW unterschiedliche Betonung tragen, kommt es zu wechselnden Verslängen von 11/10 Silben;
● Das in den Folgestrophen geltende Schema der ZSW-Anordnung wird  eingehalten; die Strophen haben deshalb weiterhin wechselnde Verslängen.
Außerdem führt diese Anordnung der ZSW-Betonung zu einer Rhythmusform,
die sich am lebendigsten anhört
● Die Geleitstrophe ist 3-zeilig; sie setzt die ZSW in der Abfolge von Strophe (I) ein. Dadurch kommt es auch hier zu wechselnden Verslängen.
● In dieser Geleitstrophe steht nur zwei der drei "linksseitigen" ZSW (nämlich "erzählen" und "Verse") vers-mittig.
● Wegen der Bedeutung des Abschlussbeispiels ist auch hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik der besseren Verdeutlichung wegen angegeben.

© elbwolf (W.H.,12.11.2017)
/ nach dem Material des Verfassers zu einem Vortrag am 12.8.2010 im Lyrik-Seminar des Kultursommers an der Schwabenakademie Irsee /

Freitag, 10. November 2017

Gewissheit

Egon Schiele (1890-1918): Der Tod und das Mädchen (1915).
Standort: Österreichische Galerie Belvedere, Wien; Inv.-Nr. 3171;
Quelle: wikimedia.commons; Liz.: gemeinfrei.
Reproduktion ist Bestandteil von "The Yorck Project" und von "Google Art Project" *)

 Gewissheit (Sonett)

Der Mensch wird allzeit mit dem Tode ringen –
zum Überleben fehlt der rechte Biss.
Gevatter Tod weicht nicht, dies ist gewiss:
er wird sein Zepter ständig weiter schwingen.

Auch wenn Du denkst, Du kannst das Leben zwingen,
dann stellst Du fest: es hat schon einen Riss.
Der Tod ist nie bereit zum Kompromiss
und wird den Sieg am Ende doch erringen.

Denn treu ist er und ständiger Begleiter,
und niemand lebt für alle Ewigkeit –
genieße drum dein Leben jetzt, sei heiter!

Denn Grübeln schmälert Deine Lebenszeit.
Vom Tod vergessen wurde bisher keiner,
ob hochgestellt er sei oder Gemeiner.

© lillii (L-R, Okt. 2017)

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*) In diesem Gemälde greift Schiele das bereits seit der Renaissance bekannte Motiv vom Tod und Mädchen auf: die Frau umklammert die Gestalt wie einen Geliebten. Der Tod ist nicht als Gerippe dargestellt, sondern in einer Mönchskutte, und verliert dadurch seinen Schrecken. /nach Wikipedia/

Mittwoch, 8. November 2017

Die Sestine: (2/3) – in der etwas einfacheren Art

(A) Das Anliegen

Die Sestine gilt selbst in der einfacheren Art (mit lediglich Durchschieben der sechs ZSW = Zeilenschlusswörter) als schwierig. Im Deutschen wurde sie zuerst von Martin Opitz († 1639, Danzig) nachgebildet – trotzdem hat  es bis auf den heutigen Tag keine einzige in den "Kleinen Conrady" (Lauter Lyrik. Eine Sammlung deutscher Gedichte, 2008) geschafft!
Im Conrady fand sich übrigens ein Vers von Christa Reinig (*1926):

hochverehrtes publikum
werft uns nicht die bude um
wenn wir albernes berichten
denn die albernsten geschichten
macht der liebe Gott persönlich

Wer den Einstieg ins Format der Sestine über die zwei Vorstufen mit weniger Versen (nur 2 oder 4 ZSW) verinnerlicht hat, verfügt über alle Chancen, auch hier zurechtzukommen – Herausforderung aber bleibt die Sache natürlich!

Zu Abb. & Buchtitel:
Justus Georg Schottel (latinisiert: Schottelius; *1612; † 1676, Wolfenbüttel).
Titel der Berliner Ausgabe als Taschenbuch in der Edition Holzinger, 2013.
(vollständiger, durchges. Neusatz mit einer Biographie des Autors; derzeit nur antiquarisch verfügbar)

(B) Schottel's "De Sextina" – Beispiel einer Sestine der einfacheren Art

Gern überließen wir J. G. Schottel(ius) auf der Stelle das Feld – aber er dichtet in der Sprache von vor mehr als 350 Jahren! Wir stellen uns also zunächst der Aufgabe, ihn in einem heute verständlichen Deutsch wiederzugeben! Dabei reichen die ersten beiden Strophen, um geltende Regeln zu erkennen (und gleich die Verslängen von den alexandrinischen 12/13 Silben auf übliche jambische 10/11 zurückzunehmen):

Es schleicht sich so dahin, kommt in Verzug,
Eh es sich einstellt, das ersehnte Glück:
Man muss mit Meisterhand und mühsam bauen,
Eh man sein eignes Haus kann ganz besitzen:
Wenn mit Geduld man baut, vertraut hat fest,
Kann man genießen, was man sich gewünscht.

Die Ostersonne strahlt uns wie gewünscht,
Ist hell und klar, war lange in Verzug,
Bringt den Geburtstag her, mit ihm viel Glück,
Erst recht, wenn mit uns Himmelskräfte bauen:
Sie lassen unsern Fürst ein Reich besitzen
Und gründen seinen Herrschaftsanspruch fest.
. . .
1: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-

6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-
. . .

An Schottel's Beispiel einer Sestine können wir Typisches erkennen:
● zunächst dies: sie existiert noch, und sie ist gut dokumentiert; z. B. bei:
Gerhard Grümmer: Spielformen der Poesie, BI Leipzig, 1985; S. 179/80.
● sie hat 6 Strophen (gezeigt sind die ersten beiden) zu je 6 Versen;
● die Metrik ist jambisch und 10/11-silbig. Übrigens: die Versverkürzung tut gut, aber zu Zeiten des früheren barocken "Geschwafels" nahmen Dichter (wie Schottel) eben gern Zuflucht zu Langversen, um "zu Stuhle" zu kommen.
Ausnahmsweise ist hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik zur Verdeutlichung angegeben.
● es werden 6 ZSW gebraucht, und hier sind sogar bloß zwei Substantive  darunter; zwei Verben, ein Partizip (gewünscht) und ein Adverb (fest) – Spitze!
● die ZSW reimen nicht – hier jedenfalls tun sie es nicht.
● das Verfahren für die Anordnung der ein für allemal feststehenden ZSW in den Folgestrophen ist bei der "einfacheren Art einer Sestine" das "Durchschieben der ZSW nach unten": das dabei aus der untersten (hier also immer der sechsten Position) hinausgeschobene ZSW wird in der jeweiligen Folgestrophe als oberstes gesetzt – die Reihenfolge der übrigen fünf bleibt in Bezug aufeinander in der Folgestrophe erhalten!
● Herausforderung wie Chance scheinen gute Übergänge zwischen den Strophen zu sein – da kann der Dichter erfinderisch sein, siehe oben: vom Genießen des gebauten Hauses (Ende Strophe I) zur strahlenden Ostersonne (Anfang Strophe II) – mit gleichem ZSW "gewünscht".

(C) Die Sestine "der einfacheren Art"

Wir entwickeln sie aus der Vorstufe "Quartine" von Teil 1(3), indem wir zwei weitere ZSW hinzunehmen.
● mit diesen nun insgesamt 6 ZSW ergibt sich das Format zu 6x6+6/2=39 Versen, die in 6 Strophen zu je 6 Zeilen und eine abschließende Geleitstrophe von drei Zeilen gegliedert sind.
in jeder Strophe kommen alle 6 ZSW vor, und zwar im Hauptteil nur an den Versenden, im Geleit je zwei pro Vers: eines in der "vorderen Hälfte", das andere wieder strikt am Versende.
● der Rhythmus fordert unbetonte Versanfänge bei Verslängen von 10/11 Silben (also jambisch und wie beim Sonett).
● die Verse müssen nicht gereimt sein (sind es auch meistens nicht), dürften es aber – und bei uns reimen sich ja auch Gesumm und Gebrumm.
● das "Durchschieben der ZSW nach unten" im Hauptteil geht bei der "einfacheren Sestine-Art" nach folgendem Schema vor sich:
Nummeriert man die ZSW der Strophe (I) durch, so gilt:
(I) 1,2,3,4,5,6 → (II) 6,1,2,3,4,5 → (III) 5,6,1,2,3,4 → (IV) 4,5,6,1,2,3 →
(V) 3,4,5,6,1,2 → (VI) 2,3,4,5,6,1.
● mit den von uns gewählten sechs ZSW – die früheren 4 Substantive und noch ein Adjektiv ("~gefährlich") und ein Verb ("~kommen") – legen wir dieses Schema in der folgenden Weise fest:
Biene, Gesumm, ~gefährlich, Hummel, Gebrumm, ~kommen →
~kommen, Biene, Gesumm, ~gefährlich, Hummel, Gebrumm →
Gebrumm, ~kommen, Biene, Gesumm, ~gefährlich, Hummel →
Hummel, Gebrumm, ~kommen, Biene, Gesumm, ~gefährlich →
~gefährlich, Hummel, Gebrumm, ~kommen, Biene, Gesumm →
Gesumm, ~gefährlich, Hummel, Gebrumm, ~kommen, Biene.
● Anm.: Die Tilde steht für andere Vorsilben, z. B. in unterkommen; ungefährlich.

Titel gibt es noch keinen … oder doch?

Voll Reiz ist stets der Flug der schlanken Biene,
die sich so leicht verrät durch ihr Gesumm,
doch wer empfindet das denn als gefährlich?
Dagegen torkelt fast die dralle Hummel,
vernehmbar ist ihr lustvolles Gebrumm,
dem aber will man erst einmal entkommen!     

Man sieht sich um nach einem Unterkommen,
denn niemand denkt dabei an eine Biene
und ihr bekanntlich reizvolles Gesumm.
Das hier scheint sicher nicht ganz ungefährlich
und hört sich durchaus an nach einer Hummel:
es geht massiv aufs Ohr, solch ein Gebrumm!

Warum fliegt sie mit solch einem Gebrumm –
fast schon Gewitter, das im Näherkommen ...
Mir wär' viel lieber jede Honigbiene,
die raffiniert vertraut auf ihr Gesumm.
Ich will es überhaupt nicht so gefährlich
und habe kein Verlangen nach der Hummel!

Doch langsam denk ich mich hinein, du Hummel,
und finde voller Lüste dein Gebrumm.
Wärst du am Ende mir vielleicht willkommen,
wie sonst gewöhnlich nur die schlanke Biene?
Verzichte ich vielleicht mal auf Gesumm
und lebte ausnahmsweise mehr gefährlich?

War's denn nicht relativ, dies "zu gefährlich",
das mich vermeiden ließ so jede Hummel?
Und mich auf einmal packt nun dies Gebrumm?
Dem will ich endlich auf die Schliche kommen –
versteckt sich Anderes als bei der Biene
mit ihrem ewig gleichen Wohlgesumm?

Ist es nicht einerlei, dass gilt Gesumm
gemeinhin doch als ziemlich ungefährlich,
zumindest im Vergleich mit einer Hummel
und deren durchaus lüsternem Gebrumm?
Wem es bestimmt jedoch, zu Fall zu kommen,
ist es egal, ob Hummel oder Biene!

Wie einer Biene / reizvolles Gesumm
gefährlich werden kann, / wird auch die Hummel
durch ihr Gebrumm / zu mancher Beute kommen.


1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-u

6: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u
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5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-u
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5: u-u-u-u-u-
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2: u-u-u-u-u-
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2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u

1+2: u-u-u-u-u-
3+4: u-u-u-u-u-u
5+6: u-u-u-u-u-u

● Da die 6 ZSW unterschiedliche Betonung tragen, kommt es zu wechselnden Verslängen von 10/11 Silben;
● Das in den Folgestrophen geltende Schema der ZSW-Anordnung wird  eingehalten; die Strophen haben deshalb weiterhin wechselnde Verslängen.
● Die Geleitstrophe ist 3-zeilig; sie setzt die ZSW in der Abfolge von Strophe (I) ein. Dadurch kommt es auch hier zu wechselnden Verslängen.
● In dieser Geleitstrophe steht nur das "linksseitige" ZSW "Biene" vers-mittig.
● Ausnahmsweise ist hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik zur Verdeutlichung angegeben.

© elbwolf (W.H., 7.11.2017, bearbeitet)
/nach einem Vortrag des Verfassers am 12.8.2010 an der Schwabenakademie Irsee/

Samstag, 4. November 2017

Die Sestine: 1(3) – Zwei Vorstufen mit weniger Versen

(A) Das Anliegen

Die Sestine gilt als Großgedicht mit eben einem eigenen Namen: erfunden in der Provence von Arnault Daniel im 12. Jh.; ausgeformt in Italien; von den deutschen Romantikern eingebürgert; als "zu eigenartig und schwierig" wieder vergessen; heutigentags ist sie ein Kandidat für eine Wiederbelebung durch Zuwendung seitens der internationalen Lyrikergemeinschaft.
Auf Versbildner war sie noch nie vertreten;
Literaturhinweise sind spärlich: siehe dazu im Teil (3/3)!

Abb.: 
Arnault Daniel; Standort: Bibliothèque en ligne Gallica; Ident.-Nr. btv1b60007960; aus dem 13. Jh.; gemeinfrei;

Durch ihre Eigenschaften stellt die Sestine eine echte Herausforderung dar – und zwar für Lyriker jeglichen Schlags:
● sie ist in Strophen gegliedert, die aber eng unter- und miteinander verflochten sind;
● ihre Verse müssen nicht gereimt sein, sind es auch meistens nicht, dürften es aber; die Endwörter der Verse sind also nicht in erster Linie bzw. überhaupt Reimwörter zu entsprechenden Reimsilben und werden einfach als "Zeilenschlusswörter" (ZSW) bezeichnet;
● der Rhythmus fordert unbetonte Versanfänge bei Verslängen von 10/11 Silben (also jambisch und wie beim Sonett) – es gab aber auch andere Rhythmusformen und Verslängen, und sie könnten wieder versucht werden;
● der "Hammer" für alle, die mit ihren Gedichten "wie immer vor allem Inhalte rüberbringen" möchten, ist, einer Sestine überhaupt (!) einen Inhalt zu geben, der in sich geschlossen (d. h. durchgängig) und logisch erscheint;
● sie ist mit 6 Strophen zu je 6 Versen und einer "Geleitstrophe" am Ende mit 3 Versen (insgesamt also mit 39 Versen) recht lang und deutlich schwierig anzugehen – zumindest für den Anfänger.

Aus diesem Grund werden hier zwei Vorstufen gezeigt, mit denen man sich die eigentliche Sestine erfolgreich "antrainieren" kann.
Die Idee ist, zunächst nur 2x2+2/2=5 Verse, danach 4x4+4/2=18 und erst dann die 6x6+6/2=39 Verse der eigentlichen Sestine zu schreiben!
Als Kuriosum sei vermerkt, dass es absolute Könner wie auch Übereifrige bis auf 12x12+12/2=150 Verse gebracht haben – was selbstverständlich jedem freistünde (und wohl als Duodezime bezeichnet werden müsste)!
Anm.: Wegen der freundlichen Aufnahme des im Vormonat hier veröffentlichten Pantun "Gesumm oder Gebrummel" wollen wir dessen Gedanken- und Wortgut (das dort sogar gereimt war) auch in den Sestine-Vorstufen verwenden.

(B) Die "Duodine" mit 2x2+2/2=5 Versen
Als die zwei Zeilenschlusswörter ZSW dienen "Biene" und "Hummel". Da beide ZSW nicht endbetont sind, wählen wir 11 Silben als Verslänge:

Voll Reiz ist stets der Flug der schlanken Biene,
beinahe torkelnd fliegt die dralle Hummel.


Geräuschvoll ist Gebrumm von einer Hummel,
wie schmusend das Gesumm der Honigbiene.


Es summt die Biene – brummend fliegt die Hummel.
u-u-u-u-u-u
u-u-u-u-u-u


u-u-u-u-u-u
u-u-u-u-u-u


u-u-u/-u-u-u

Vorschriften wie Freiheiten sind hier folgendermaßen eingehalten:
● Der Hauptteil besteht aus 2 Verspaaren; im zweiten wird die Reihenfolge der ZSW vertauscht.
● Ein ZSW darf nur ganz am Versende stehen, kann aber auch letzter Bestandteil einer Wortzusammensetzung sein, wie "Honigbiene".
● Die Geleit"strophe" ist einzeilig; in der vorderen "Hälfte" kommt das erste ZSW irgendwo vor; in der zweiten das zweite ZSW am Versende.
Anm.: Bei 11-Silbern kann die Vershälfte natürlich sowieso nicht mittig liegen!
Als Geleitzeile könnte also durchaus auch stehen:

Die Biene summt – stets brummend fliegt die Hummel.

● Ausnahmsweise ist zu dieser Duodine rechtsbündig die Metrik angegeben, die manches besser verdeutlich als die Beschreibung.

(C) Die "Quartine" mit 4x4+4/2=18 Versen
Als entscheidende neue Eigenschaft kommt ein Verfahren für die Anordnung der ZSW in den nachfolgenden Strophen hinzu, das ein bloßes Vertauschen (wie bei der Duodine) ersetzt. Schon mit Blick auf die eigentliche Sestine wollen wir es "Durchschieben der ZSW nach unten" nennen. Das aus der untersten (vierten) Position einer Strophe hinausgeschobene ZSW wird in der nächsten Strophe als oberstes gesetzt.
Nummeriert man die ZSW der Strophe (I) durch, so hat man als Schema:
                     (I) 1,2,3,4 → (II) 4,1,2,3 → (III) 3,4,1,2 → (IV) 2,3,4,1.

Mit den ausgewählten vier ZSW folglich konkret:
Biene, Gesumm, Hummel, GebrummGebrumm, Biene, Gesumm, Hummel
Hummel, Gebrumm, Biene, GesummGesumm, Hummel, Gebrumm, Biene.


Voll Reiz ist stets der Flug der schlanken Biene,
die sich so leicht verrät durch ihr Gesumm.
Dagegen torkelt fast die dralle Hummel,
vernehmbar ist ihr lustvolles Gebrumm. 

Es geht massiv aufs Ohr, ein solch Gebrumm,
und niemand denkt dabei an eine Biene,
die man erkennt am reizvollen Gesumm –
wie lärmend fliegt dagegen solche Hummel!

Verlangen spürt durchaus wohl eine Hummel,
sonst flög' sie nicht gelüstig mit Gebrumm.
Beim Haschen eines Opfers hilft der Biene,
dass raffiniert sie setzt auf ihr Gesumm. 

Doch manchem wär's egal, ob nun Gesumm,
ob lüsternes Gebrummel einer Hummel
zu Fall ihn brächte – ist doch dies Gebrumm
so aufreizend wie Summen einer Biene!

Wie einer Biene / reizvollem Gesumm
verfällt der Hummel man / auf ihr Gebrumm.
1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-

4: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u

3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-

2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-u

1+2: u-u-u/-u-u-
3+4: u-u-u-/u-u-

● Da die neu hinzugekommenen ZSW endbetont sind und im Wechsel mit den vorherigen eingesetzt werden, kommt es hier zu abwechselnden Verslängen von 11/10 Silben;
● Das in den Folgestrophen geltende Schema der ZSW-Anordnung wird  eingehalten. Alle Strophen haben deshalb abwechselnde Verslängen.
● Die Geleitstrophe ist zweizeilig und setzt die ZSW in der Abfolge von Strophe-I ein. Dadurch kommen die endbetonten ZSW an die Versenden und die Verse der Geleitstrophe sind hier 10-Silber.
● Auch in dieser Geleitstrophe steht "Hummel" nicht vers-mittig.
● Ausnahmsweise ist auch hier zu dieser Quartine rechtsbündig die Metrik zur Verdeutlichung angegeben.
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Ein Hinweis:
Diese Quartine verwendet 4 Hauptworte als ZSW, was wohl die einfachste Variante darstellt: schwieriger wird es bei Verwendung auch von Tätigkeits- und Eigenschaftsworten! In den beiden ausstehenden Teilen zur Sestine soll das ebenfalls gezeigt werden.

© elbwolf (W.H., 4.11.2017, bearbeitet)
/nach einem Vortrag des Verfassers am 12.8.2010 an der Schwabenakademie Irsee/ 

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Entschuldigung des Verfassers:
Mit Bestürzung musste ich auf Hinweis eines Kollegen feststellen, dass sich bis zu diesem Augenblick (Montag, 6.11.2017, 22:45) anstelle der Quartine eine alte Manuskriptstelle (und zwar fälschlich mit Durchschieben der ZSW nach oben) eingeschlichen hatte. Ich habe das jetzt berichtigt: die korrekte Variante liest sich weitgehend wie die frühere mit vertauschten Strophen 2 und 4 - es ist eben keiner gegen Fehlerteufel gefeit ... Asche auf mein Haupt!

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