Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten!
Im OKTOBER 2017 würdigen wir unsere bisherigen Mundart-DichterInnen zusammenfassend. Wir setzen die besonderen Lyrikformen mit weiteren Beispielen zum Pantum fort. Und sonst - mal sehn!

Freitag, 22. September 2017

Hosen im Handel und Wandel (Teamwork)

Label einer Levi's 506 jeans, Aufnahme: 16.07.2007
Urheber + ©: M62; Liz.: CC BY-SA 3.0; Quelle: wikimedia.commons

Hosen im Handel und Wandel
          (Drei unterschiedliche Dezimen für drei Scherzgedichte)


(I) Levi Strauss und die Blue Jeans
          (Copla real, die 'königliche Strophe' 1)

Goldrausch zog im Wilden Westen
Menschen an; der Wohlstand lockte.
Oft jedoch die Arbeit stockte,
weil die Hosen, nicht die besten,
rissen auf an Dorn und Ästen.
Strauss vertrieb bald die famosen
fest gewebten Baumwollhosen.
Nieten gaben Halt den Starken –
heute längst Designermarken.
Jeder schätzt die Anspruchslosen.

© lillii




 
Urheber: Till Kelch aus Berlin: "Streetwear" –  Anblick von vorn und von hinten
Aufnahmen vom 22./23.07.2006; Liz.: CC BY-SA 2.0; Quelle: wikimedia.commons;


(II) Windhosen
          (Décima antigua ²)
 
Alles Gold war bald ergraben –    
nur die Hosen ganz geblieben,     
drum schien es nicht übertrieben,
sie jetzt künstlich zu beschaben.     
Solch Idee war bald geboren.             
Nicht mehr schonen die Preziosen –
Löcher müssen in die Hosen,             
soll der Wind darin rumoren …    
Um den Letzten zu erbosen:        
Preise nimmt man unverfroren!

© elbwolf

Marlene Dietrich (1901-92) – hier 1933 – im Hosenanzug.
Sie machte das Kleidungsstück in den 1930er Jahren für Frauen salonfähig.
Zuvor wurde ihr bei der Einreise aus den USA vom Pariser Polizeipräfekten Chiappe unter Androhung der Verhaftung verboten, sich öffentlich in Männerkleidern zu zeigen.
(Bildquelle + Lizenzierung: Bundesarchiv, Bild 102-14627 / CC-BY-SA 3.0)


(III) Frauenhosen
          (Décima espinela ³)

Frauen danken es Marlene,
dass sie in die Hosen kamen,
denn die sind ein guter Rahmen,
zu verstecken ihre 'Beene'.   4)
Ob im Alltag, in der Szene –
keine zeigt mehr ihre Wade!
Jeder Mann denkt sich  – wie schade,
hat er doch viel lieber eine
klare Sicht auf Frauenbeine.
Sie verspricht …privat gäb's Gnade.

© elbwolf

 
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Das Dezimen-Reimschema ist unterschiedlich, wie auch die Strophenteilung durch eine Pause, die durch Doppelpunkt angedeutet wird.
1) Copla real: zwei Halbstrophen, Reimschema nahezu beliebig, hier: [abbaa:ccddc]
²) Décima antigua: hier unsymmetrischer Bau; vierreimig  [abba:cddc(dc)]
³) Décima espinela: obligate 4+6 Form, vierreimig [abba:(ac)cddc)]
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4) Mit ihren berühmten langen Beinen war Marlene Dietrich vielleicht sogar in einer Zwickmühle: zeigen? oder aus Modegründen verstecken?

Dienstag, 19. September 2017

Ach lieber guter Wahl-O-Mat! (Parodie)

Titel der Wahl-O-Mat-App *)


Ach lieber guter Wahl-O-Mat! (Parodie)

Da hab' in Reinkultur ich den Salat:
zum ersten Male weiß ich keinen Rat
und bin aus diesem Grund mir nicht zu schad',
zu flüchten mich in diesen Wahl-O-Mat!

Ich fleh dich an, den Wahl-O-Maten,
ach kannst du mich geschickt beraten:
wie finde ich die Kandidaten,
selbst die, die mich noch nie vertraten.

Der Wahl-O-Mat hält sich für unerreicht
und solch Begehren scheint ihm kinderleicht:

Es werden 38 Fragen (Thesen genannt) vorgelegt, die der Wähler einzeln zustimmend, neutral oder ablehnend beantworten und sogar besonders gewichten oder aber auch überspringen kann.
Es sind 32 Parteien angetreten, von denen jede auf der Basis ihres Programms ebenfalls zu allen Fragen Stellung nimmt und in Form von Zustimmung, Enthaltung oder Ablehnung zusammenfasst.
Aus den 32 kann der Wähler bis zu 8 heraussuchen. Der Wahl-O-Mat vergleicht dann die Antworten des Wählers mit denen der herausgesuchten Parteien, rechnet die Übereinstimmung in % aus und listet sie auf. Die Partei mit dem höchsten %-Satz könnte? sollte? müsste? der Wähler eigentlich dann auch wählen – oder?

Nicht länger viel mit Worten rumgeseicht …
doch was herauskam, hat mir schon gereicht!

Was kam denn nun beim Wahl-O-Mat heraus-e?
Er spielt ein wenig mit mir Katz und Maus-e:

Unter den Ergebnissen (die ich nach und nach sogar für alle 32 Parteien ermittelte!) waren diese drei die erstaunlichsten:
1. CDU und SPD würden meine Auffassungen jeweils zu 48,4 % vertreten, was ja keine Mehrheit ist, schon gar keine qualifizierte ! Wählervolk – wenn das nicht wieder nach GroKo riecht!
2. Die Linke würde mich genau so gut vertreten, wie die … na? wie die Veganer!
3. Ein Elchtest ist fehlgeschlagen (was nur am Wahl-O-Mat liegen kann!). Die Gesundheitspartei hat alle 38 Fragen neutral beantwortet, weil sie NUR die Gesundheit interessiert, die kommt aber in den 38 Fragen nicht vor, nur die Krankenversicherung.
Ich habe also einmal alle 38 Fragen auch neutral beantwortet, dann 2 Parteien herausgesucht, darunter die Gesundheitspartei, und erwartete 100 % "Wahlempfehlung" für die Gesundheitspartei!
Denkste – die Antwort lautete:
Leider kann der Wahl-O-Mat auf der Grundlage Ihres Antwortmusters kein individuelles und zuverlässiges Ergebnis berechnen.

Bei diesem Stand erfasste mich ein Graus-e:
wenn's wirklich hoch kommt, bleibe ich …-e.

elbwolf, am Abend der vorletzten ARD-Prognose vor dem 24.9.
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*) Herausgegeben von der "bpb" (Bundeszentrale für politische Bildung) – in Zusammenarbeit mit weit über 50 Medienpartnern (von SPIEGELONLINE bis zu P()INTER.de ). In der Einleitung heißt es: "Der Wahl-O-Mat ist keine Wahlempfehlung, sondern ein Informationsangebot über Wahlen und Politik."

Samstag, 16. September 2017

September – Ein Monatsbild


Gerard Horenbout u. a.: Breviarium Grimani, Monatsbild September (Buchmalerei/Pergament, ~1510)
Standort: Nationale Markusbibliothek, Venedig; Quelle: wikimedia.commons; gemeinfrei.
Um den 22. September herum fällt die Tag-und-Nacht-Gleiche: dann waren die Felder abgeerntet,
das Getreide gedroschen. Nicht selten wurden im September auch die ersten Erntedankfeiern
abgehalten – das bedeutete jedoch keineswegs das Ende der Feldarbeit.

September – Ein Monatsbild

Im Gregorianischen Kalender
ist neun die sieben, wie man weiß.
Doch der September ist der Neunte
und angefüllt mit Bauernfleiß.

Geerntet wird an jedem Tage.
Das Winterholz steht jetzt bereit,
drum heißt er Holzing, der September,
schafft Vorrat für die kalte Zeit.

Als Engelmond ehrt er Maria.
Ein Kind ward ihr einst prophezeit.
Marienehrung ist auch heute
noch tief im Süden weit verbreit'.

Er nennt sich allerdings auch Scheiding,
der Tag, die Nacht sind wieder gleich.
Man spürt die Dunkelheit schon kommen.
Die Weiden trauern überm Teich.

Die Schwalben sammeln sich zum Ziehen.
Der Süden ist ihr sich'rer Ort.
Auch wenn wir schmerzlich sie vermissen,
sie bleiben nicht für immer fort.

© immergruen (A.W., 09/2017)
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○ Link auf eine populäre Darstellung des September in mittelalterlicher Zeit.
○ Link auf eine Sammlung Lyrik- und Prosa-Titel über den September.

Mittwoch, 13. September 2017

"Bräuche meiner Münsterländischen Heimat" (2) – Kroamstuten

links/oben: „Auf Nachbarschaftstour – zum Überbringen des Kroamstutens“; © lillii (L.R.),12.11.2014 links/unten: Traditioneller Stuten (1/4 davon Rosinen und Zuckerguss). © Henk1978, 04.05.2007
rechts: Text eines mundartlichen Liedes über den Kroamstuten; Quelle nicht belegbar

"Bräuche meiner Münsterländischen Heimat"
       (2) – Kroamstuten (Limerick-Ballade)

Die Nachbarn sind heut voll im Drukken:
Sie wollen das Baby noch pucken,
Das grad erst geboren
Mit niedlichen Ohren
Sie wollen ihm zusehn beim Nuckeln.

Den Kroamstuten uralter Weise –
Den nehmen sie mit auf die Reise
Zu Eltern und Kind.
Das geht ganz geschwind:
Im Nu ist verteilt ihre Speise.

Ein Schnäpschen wird gerne gespendet
Und mehr als nur einmal verwendet.
Der Nachbarschaft heut,
Die hat es gefreut –
Und alles hat gut sich vollendet.

Erst spät gehn die Leute nach Hause;
Sie brauchen auch dringend die Pause:
Die Beine sind schwer.
Es ging ja hoch her –
Wie stets bei ’ner Nachbarschafts-Sause.

© lillii (L-R; Erstfassung 11/2014, durchgesehen 09/2017)
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Den Kroamstuten – lässt man vom Bäcker machen. Er ist bedeckt mit Würfelzucker, Butter, Käse, Kaffeebohnen. Aufgepflanzt ist ein kleines Fähnchen mit dem Namen des Neugeborenen. Dargeboten wird er auf einem längeren Brett, das gemeinsam durch den Ort getragen wird, wobei man ausgiebig "pichelt" – versteht sich!

Die Übertragung des mundartlichen Textes, der nach der Melodie "Alle Vögel sind schon da" singbar ist, lautet:

Heute geht es mächtig rund
Das Kind ist gut gelungen.
Augen, Öhrchen, Näschen, Mündchen,
Beinchen, Füßchen, Händchen, Bäuchlein
Nichts davon fehlt, wir nennen es richtig:
Vater! Du warst tüchtig.
Hier der Stuten noch so fein
Für die junge Mutter.
Du hast es nun zur Welt gebracht –
Ja Nachbarin, es hat gelohnt.
Hier fehlt nichts – der Jung (die Dirn)
Ist richtig: Mutter, du bist tüchtig.


So, nun holt den Schnappes her
Und das Pups-Anisken.
Trinkt auf Eltern und das Kind,
manch Bier durch die Kehle rinnt,
Nichts fehlt dabei, wir sagen’s richtig:
Nachbarn feiern tüchtig

Sonntag, 10. September 2017

Erwartung – Sonetto d'amore

David Inshaw (* 1943, brit. Pop-Künstler): The Rucksack (Anticipation; dt. Erwartung), 1994/95
Urheber+©: The artist, 17.02.2011; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0
( http://www.davidinshaw.net/gallery.html )
        
        Erwartung – Sonetto d'amore

Erwartungsvolle Röte auf die Wangen
hat ihnen nicht die Scham dorthin getrieben,
die Neugier ist seit jener Zeit geblieben,
als erstmals überwog nur noch Verlangen.

Nie mehr um köstliche Momente bangen,
die innig festzuhalten sie so lieben;
denn Unbedachtheit lässt sehr leicht zerstieben,
was kaum danach geht wieder zu erlangen.

Ein Schauer jagt den nächsten, wie ein Beben,
das Liebende so gut zu deuten wissen,
durch jedes Miteinander neu beleben.

Die Nähe ist es, die sie so vermissen,
wenn Schicksal oder Zufall beide trennen –
zu der selbst dann sie weiter sich bekennen.

© elbwolf (W.H., 09/2017)
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Nachgehakt:
Auf Inshaw's Webseite (http://www.davidinshaw.net/07.html) heißt es zum Bild:
The Rucksack (Anticipation) is … set on a beach. Two figures towel themselves after their swim in front of a dark rock. Around them a squadron of black headed gulls all pointing somewhat officiously in the same direction, ignore them. The rucksack itself stands guard, a sort of scrotum of possibilities.
In der Übertragung etwa:
Der Rucksack (Erwartung) spielt sich in einer Bucht ab. Zwei Figuren trocknen sich nach dem Schwimmen vor einem dunklen Felsen ab. Um sie herum eine Schar schwarzköpfiger Möwen, die irgendwie gleich ausgerichtet sind und die beiden ignorieren. Der Rucksack steht wie ein Wächter (wo? in der rechten unteren Bildecke!), eine Art Behältnis für jegliche Möglichkeiten.
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Eine Anmerkung von mir:
Warum der Künstler das aus dem Deutschen stammende Wort Rucksack gewählt hat, fällt mir schwer zu erraten, aber tatsächlich hat das Englische drei Übersetzungen für unseren Rucksack: backpack, rucksack, packsack!
Den Bildinhalt erkläre ich mir so: Ja, es ist eine Erwartung – wenn die beiden die weißen Tücher werden fallenlassen, erblicken sie, wie sie sind, und sie werden einander "erkennen". Deutlicher braucht man es wirklich nicht zu sagen …

Das Sonett wurde einige Tage früher in der Rubrik "Eigene Gedichte" der Community Seniorenportal gepostet und hat dort ein Dutzend User-Kommentare ausgelöst, vornehmlich zum Bild von David Inshaw. Diese Webseite geht beim Klick auf den folgenden Link in einem neuen Fenster zu öffnen, nach dessen Schließen man sich wieder hier auf Versbildner befindet: zu den Kommentaren !

Donnerstag, 7. September 2017

Mundart-Verse (6) – Kölsch (Ingeborg F. Müller als Gast)

Notabene: Fortsetzung der losen Folge von Gedichten, die ihre Verfasser/Innen in Mundart schreiben. Der Begriff mag für Sprachwissenschaftler etwas unscharf sein – hier steht er für Gedichte, die man in solcher "Würze" nur in "Regionalsprachen" findet. Auch sind sie den formalen poetischen Auflagen durch das Hochdeutsche weit weniger (oder nicht) verpflichtet.
Für Unkundige, die gar manches Mal "begriffsstutzig" sein würden, gibt es heute und hier Übertragungen ins Hochdeutsche oder zumindest eine Reihe von Worterklärungen.
Altstadtufer von Köln: In der Mitte die Kirche Groß St. Martin, rechts Philharmonie und Museum Ludwig,
dahinter der Kölner Dom, ganz rechts Hohenzollernbrücke mit Einfahrt in den Hauptbahnhof
Foto + ©: Raimond Spekking, 02.07.2006; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 4.0
(klicken Sie auf den Link, um  das Panoramabild groß und weiter sogar übergroß anzuzeigen!)

Ingeborg F. Müller (Köln) … zeigt sich als bodenständige Kölnerin, …
… wenn sie die Frage "Wohin im Urlaub" resolut mit folgendem Vers beantwortet:
"Wat solle mer boche? Wat hann mer dann vör?
. . .
Mer hann Wochekaate vun der KVB / Mer blieve en Kölle! Dat all hann mer he!"

Sie stellt aus ihren Veröffentlichungen drei Mundartgedichte in "Kölsch" vor.
Wir übertragen die Verse teils ins Hochdeutsche oder erklären Dialektworte:
???  "in bütze" - "ä Kies lihrt laufe" – "jestruddelt" – "fiese Möpp" – "Röllcher"  ???
Jeweils neben/bei den Originalen stehen die Lösungen zu diesen 'Rätseln'!


Wann de Sonn schön schingk … /1/
… schön scheint…


Wat ne Daach, ich künnt in bütze!
Dressich Jrad un Sonnesching.
Flöck der Desch em Jade decke,
Fröhstöck drusse ess mi Ding.
Tag / ihn küssen
dreißig Grad / Sonnenschein
schnell / Tisch / Garten
draußen / ist mein Ding


Fresche Brütcher, Woosch un Schinke,
Klatschkies, Marmelad un Ei,
Camembert, e Pöttche Kaffe,
Dat jehö´t för mich derbei.
Brötchen / Wurst
Quark (hier: Frischkäse)
ein Pott voll Kaffee
das gehört für mich dazu


Süch ens aan, dä Kies lihrt laufe,
Schinke sich en Falde läät.
Levverwoosch, die määt mer Sorje,
Ov die dann kein Sonn verdräht?
Sieh mal an /Käs' lernt laufen
in Falten legt
Leberwurst / macht mir Sorge
ob / verträgt


Schrumm, jetz litt en Fleech em Hunnich.
Vun der Woosch, do dröpp et Fett.
Wör ich bloß em Huus jeblevve,
Hätt ich et kummod un nett!
liegt eine Fliege im Honig
Wurst / tropft
im Haus geblieben
bequem und nett

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Dat                                 /2/
          weed
                    hück
                              nix!
Hann Bleisteff jespetz,
der Kopp opjestötz,
un lang simmeleet,
et Rüme probeet.

Bochstave schinge
mich anzojringe,
trett op der Stell,
putz mer der Brell.

Das
          wird
                    heute
                              nix!
Hab den Bleistift gespitzt,
den Kopf aufgestützt,
und lange gegrübelt,
paar Verslein probiert.
Buchstaben schienen
mich anzugrinsen,
tret auf der Stelle,
putz mir die Brille.

E Jläsje jedrunke, / en
Daachdräum versunke,
met Silbe jongleet,
wor alles verkeet.

Zo off jehuddelt,
zo vill jestruddelt.
Et ess wie verflix.
Dat weed hück nix!
Dröm loß ich et blieve,
e Rümche zo schrieve.
Papeer en de Tonn,
jonn erus en de Sonn. 
Ein Gläschen getrunken
in Tagträume versunken,
mit Silben jongliert,
war alles vekehrt.
Zu oft geschludert,
zu viel gestolpert.
Es ist wie verflixt.
Das wird heute nix!
Drum lass ich's bleiben,
ein Gedicht zu schreiben.
Papier in die Tonne,
geh' raus in die Sonne.

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Ne fiese Möpp /1/
Ein fieser Kerl




Do ess hä allt widder, dä lästije Möpp.
Hätt ich in ens kräje, wör längs hä jeköpp.
Ejal wat ich maache, et weed mer zo domm:
Hä weiß alles besser, hä nimmp alles kromm.


Da ist er schon wieder, der lästige Kerl.
Hätte ich ihn mal erwischt, wäre er längst geköpft.
Egal was ich mache, es wird mir zu dumm:
Er weiß alles besser, er nimmt alles krumm.




Ich setzen em Sessel, de Bein lijjen huh,
Hä säht: „Do mööts jogge, bloß Sport määt dich fruh.“
Un schmeck mer jet Leckersch, en Ies, e Stöck Taat,
Kütt jlich: „Loß et blieve, weil Söß deer doch schadt.“


Ich sitze im Sessel, die Beine hochgelegt,
Er sagt: "Du müsstest joggen, nur Sport macht dich froh."
Und schmeckt mir ein Leckerbissen, ein Eis, ein Stück Torte,
Kommt gleich: "Lass es sein, weil dir Süßes doch schadet."




Well sonndachs lang schlofe, drihe mich eröm, 
Dann naggelt hä widder: „Jetz jöv ich jet dröm,
Do däts endlich opstonn, Jymnastik ess draan!
Erus us der Fluhkess, jetz fang endlich aan!“


Will sonntags lange schlafen, dreh mich herum,
dann nörgelt er wieder: "Jetzt gäb ich was drum,
du würdest endlich aufstehn, die Gymnastik ist dran!
heraus aus den Federn, jetzt fang endlich an!"




Wor jester jot esse, stonn jrad op der Woch,
Hann kei jot Jewesse, promp kütt allt sing Froch:
„Wat ess met Bikini? Saach, fings do dich schön?
Do häss jo allt Röllcher jrad su wie en Möhn!“


War gestern gut essen, stehe gerade auf der Waage,
Habe kein gutes Gewissen, prompt kommt schon seine Frage:
"Was ist mit dem Bikini? Sag, findest du dich schön?
Du hast ja schon Speckrollen gerade so wie eine alte Frau!"




Et bess wör, ich setzen en Aanzeich en´t Blatt:
„Ich hann zo verkaufe, jetz ben ich es satt,
Dä ‚ennere Schweinhungk’, ne räächte Filou.“
Dann wör ich zwor deck, ävver jlöcklich un fruh!


Es wäre das Beste, ich setze eine Anzeige ins Blatt:
"Ich (will oder habe zu) verkaufen, jetzt hab ich's satt,
Den 'inneren Schweinehund', ein richtig Filou."
Dann wär ich zwar dick, aber glücklich und froh!

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Quellen für diese Gedichte:
[1]      Ingeborg F. Müller / Elfi Steickmann: Op Kölsch durch et Johr. 4 Kalender Rümcher; Greven Verlag, Köln 2006
[2]      Ingeborg F. Müller: Kölle rut-weiß. J.P. Bachen Verlag, Köln 2003

©  Ingeborg F. Müller
"Beste Jröß us Kölle am Rhing!!"
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Unser Gast im September-Beitrag, Frau Ingeborg F. Müller, ist Keramikerin und Mundart-Autorin. Geboren und aufgewachsen in Köln, lebt sie heute am Stadtrand in Pulheim. Sie gehört zu denen, die den rheinischen Dialekt domstädtischer Prägung nicht nur sprechen – nein! sie ist Absolventin der "Akademie för uns kölsche Sproch" mit Kölschexamen und Kölschdiplom. Seit einiger Zeit ist sie auch Mitglied des Beirates der Akademie, der Geschäftsführung und Leitung in allen wesentlichen Fragen berät.
Seit Mitte der 1990er Jahre schreibt Ingeborg F. Müller Mundarttexte, hält zahlreiche Lesungen und wirkt bei Mundartveranstaltungen mit, u. a. in Theatern, Kölsche Weihnacht, Adventveranstaltungen in der Kölner Philharmonie, tritt mit Beiträgen im Rundfunk und Fernsehen auf. Frau Müller hat zahlreiche Veröffentlichungen, zu denen neben den beiden oben genannten gehören:
-       Der Höppelepöppels Köbes:  Buch, Verlag MuM Cronenberg GbR, Köln 1997
-       Kölle wat söns!: Buch, Verlag Der ThemenDienst Köln 1999
-       Kölle em Hätze: Buch, Bachem Verlag Köln 2007
-       Vill Pläseer: Buch, Selbstverlag Pulheim 2013
-       Hörbücher bei Dabbelju Verlag Köln und im Selbstverlag Pulheim, u. a.:
Leeven Här Tirekter; Et Bess vum Ingeborg F. Müller (1/2); Dat dat dat darf.
./.
"Kölsch" (veraltet "Kölnisch") ist die nach Sprecherzahl größte Variante des Ripuarischen und des Zentralripuarischen innerhalb des Mittelfränkischen. Es wird in Köln und in Varianten im Umland gesprochen.
"Kölsch" wird in einem ausführlichen Wikipedia-Artikel beschrieben; die Lage von Köln im ripuarischen Mundartraum zwischen dem Niederfränkischen und dem Moselfränkischen wird dort auch in kartografischer Übersicht dargestellt.