Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
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Im OKTOBER 2017 würdigen wir unsere bisherigen Mundart-DichterInnen zusammenfassend. Wir setzen die besonderen Lyrikformen mit weiteren Beispielen zum Pantum fort. Und sonst - mal sehn!

Donnerstag, 7. September 2017

Mundart-Verse (6) – Kölsch (Ingeborg F. Müller als Gast)

Notabene: Fortsetzung der losen Folge von Gedichten, die ihre Verfasser/Innen in Mundart schreiben. Der Begriff mag für Sprachwissenschaftler etwas unscharf sein – hier steht er für Gedichte, die man in solcher "Würze" nur in "Regionalsprachen" findet. Auch sind sie den formalen poetischen Auflagen durch das Hochdeutsche weit weniger (oder nicht) verpflichtet.
Für Unkundige, die gar manches Mal "begriffsstutzig" sein würden, gibt es heute und hier Übertragungen ins Hochdeutsche oder zumindest eine Reihe von Worterklärungen.
Altstadtufer von Köln: In der Mitte die Kirche Groß St. Martin, rechts Philharmonie und Museum Ludwig,
dahinter der Kölner Dom, ganz rechts Hohenzollernbrücke mit Einfahrt in den Hauptbahnhof
Foto + ©: Raimond Spekking, 02.07.2006; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 4.0
(klicken Sie auf den Link, um  das Panoramabild groß und weiter sogar übergroß anzuzeigen!)

Ingeborg F. Müller (Köln) … zeigt sich als bodenständige Kölnerin, …
… wenn sie die Frage "Wohin im Urlaub" resolut mit folgendem Vers beantwortet:
"Wat solle mer boche? Wat hann mer dann vör?
. . .
Mer hann Wochekaate vun der KVB / Mer blieve en Kölle! Dat all hann mer he!"

Sie stellt aus ihren Veröffentlichungen drei Mundartgedichte in "Kölsch" vor.
Wir übertragen die Verse teils ins Hochdeutsche oder erklären Dialektworte:
???  "in bütze" - "ä Kies lihrt laufe" – "jestruddelt" – "fiese Möpp" – "Röllcher"  ???
Jeweils neben/bei den Originalen stehen die Lösungen zu diesen 'Rätseln'!


Wann de Sonn schön schingk … /1/
… schön scheint…


Wat ne Daach, ich künnt in bütze!
Dressich Jrad un Sonnesching.
Flöck der Desch em Jade decke,
Fröhstöck drusse ess mi Ding.
Tag / ihn küssen
dreißig Grad / Sonnenschein
schnell / Tisch / Garten
draußen / ist mein Ding


Fresche Brütcher, Woosch un Schinke,
Klatschkies, Marmelad un Ei,
Camembert, e Pöttche Kaffe,
Dat jehö´t för mich derbei.
Brötchen / Wurst
Quark (hier: Frischkäse)
ein Pott voll Kaffee
das gehört für mich dazu


Süch ens aan, dä Kies lihrt laufe,
Schinke sich en Falde läät.
Levverwoosch, die määt mer Sorje,
Ov die dann kein Sonn verdräht?
Sieh mal an /Käs' lernt laufen
in Falten legt
Leberwurst / macht mir Sorge
ob / verträgt


Schrumm, jetz litt en Fleech em Hunnich.
Vun der Woosch, do dröpp et Fett.
Wör ich bloß em Huus jeblevve,
Hätt ich et kummod un nett!
liegt eine Fliege im Honig
Wurst / tropft
im Haus geblieben
bequem und nett

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Dat                                 /2/
          weed
                    hück
                              nix!
Hann Bleisteff jespetz,
der Kopp opjestötz,
un lang simmeleet,
et Rüme probeet.

Bochstave schinge
mich anzojringe,
trett op der Stell,
putz mer der Brell.

Das
          wird
                    heute
                              nix!
Hab den Bleistift gespitzt,
den Kopf aufgestützt,
und lange gegrübelt,
paar Verslein probiert.
Buchstaben schienen
mich anzugrinsen,
tret auf der Stelle,
putz mir die Brille.

E Jläsje jedrunke, / en
Daachdräum versunke,
met Silbe jongleet,
wor alles verkeet.

Zo off jehuddelt,
zo vill jestruddelt.
Et ess wie verflix.
Dat weed hück nix!
Dröm loß ich et blieve,
e Rümche zo schrieve.
Papeer en de Tonn,
jonn erus en de Sonn. 
Ein Gläschen getrunken
in Tagträume versunken,
mit Silben jongliert,
war alles vekehrt.
Zu oft geschludert,
zu viel gestolpert.
Es ist wie verflixt.
Das wird heute nix!
Drum lass ich's bleiben,
ein Gedicht zu schreiben.
Papier in die Tonne,
geh' raus in die Sonne.

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Ne fiese Möpp /1/
Ein fieser Kerl




Do ess hä allt widder, dä lästije Möpp.
Hätt ich in ens kräje, wör längs hä jeköpp.
Ejal wat ich maache, et weed mer zo domm:
Hä weiß alles besser, hä nimmp alles kromm.


Da ist er schon wieder, der lästige Kerl.
Hätte ich ihn mal erwischt, wäre er längst geköpft.
Egal was ich mache, es wird mir zu dumm:
Er weiß alles besser, er nimmt alles krumm.




Ich setzen em Sessel, de Bein lijjen huh,
Hä säht: „Do mööts jogge, bloß Sport määt dich fruh.“
Un schmeck mer jet Leckersch, en Ies, e Stöck Taat,
Kütt jlich: „Loß et blieve, weil Söß deer doch schadt.“


Ich sitze im Sessel, die Beine hochgelegt,
Er sagt: "Du müsstest joggen, nur Sport macht dich froh."
Und schmeckt mir ein Leckerbissen, ein Eis, ein Stück Torte,
Kommt gleich: "Lass es sein, weil dir Süßes doch schadet."




Well sonndachs lang schlofe, drihe mich eröm, 
Dann naggelt hä widder: „Jetz jöv ich jet dröm,
Do däts endlich opstonn, Jymnastik ess draan!
Erus us der Fluhkess, jetz fang endlich aan!“


Will sonntags lange schlafen, dreh mich herum,
dann nörgelt er wieder: "Jetzt gäb ich was drum,
du würdest endlich aufstehn, die Gymnastik ist dran!
heraus aus den Federn, jetzt fang endlich an!"




Wor jester jot esse, stonn jrad op der Woch,
Hann kei jot Jewesse, promp kütt allt sing Froch:
„Wat ess met Bikini? Saach, fings do dich schön?
Do häss jo allt Röllcher jrad su wie en Möhn!“


War gestern gut essen, stehe gerade auf der Waage,
Habe kein gutes Gewissen, prompt kommt schon seine Frage:
"Was ist mit dem Bikini? Sag, findest du dich schön?
Du hast ja schon Speckrollen gerade so wie eine alte Frau!"




Et bess wör, ich setzen en Aanzeich en´t Blatt:
„Ich hann zo verkaufe, jetz ben ich es satt,
Dä ‚ennere Schweinhungk’, ne räächte Filou.“
Dann wör ich zwor deck, ävver jlöcklich un fruh!


Es wäre das Beste, ich setze eine Anzeige ins Blatt:
"Ich (will oder habe zu) verkaufen, jetzt hab ich's satt,
Den 'inneren Schweinehund', ein richtig Filou."
Dann wär ich zwar dick, aber glücklich und froh!

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Quellen für diese Gedichte:
[1]      Ingeborg F. Müller / Elfi Steickmann: Op Kölsch durch et Johr. 4 Kalender Rümcher; Greven Verlag, Köln 2006
[2]      Ingeborg F. Müller: Kölle rut-weiß. J.P. Bachen Verlag, Köln 2003

©  Ingeborg F. Müller
"Beste Jröß us Kölle am Rhing!!"
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Unser Gast im September-Beitrag, Frau Ingeborg F. Müller, ist Keramikerin und Mundart-Autorin. Geboren und aufgewachsen in Köln, lebt sie heute am Stadtrand in Pulheim. Sie gehört zu denen, die den rheinischen Dialekt domstädtischer Prägung nicht nur sprechen – nein! sie ist Absolventin der "Akademie för uns kölsche Sproch" mit Kölschexamen und Kölschdiplom. Seit einiger Zeit ist sie auch Mitglied des Beirates der Akademie, der Geschäftsführung und Leitung in allen wesentlichen Fragen berät.
Seit Mitte der 1990er Jahre schreibt Ingeborg F. Müller Mundarttexte, hält zahlreiche Lesungen und wirkt bei Mundartveranstaltungen mit, u. a. in Theatern, Kölsche Weihnacht, Adventveranstaltungen in der Kölner Philharmonie, tritt mit Beiträgen im Rundfunk und Fernsehen auf. Frau Müller hat zahlreiche Veröffentlichungen, zu denen neben den beiden oben genannten gehören:
-       Der Höppelepöppels Köbes:  Buch, Verlag MuM Cronenberg GbR, Köln 1997
-       Kölle wat söns!: Buch, Verlag Der ThemenDienst Köln 1999
-       Kölle em Hätze: Buch, Bachem Verlag Köln 2007
-       Vill Pläseer: Buch, Selbstverlag Pulheim 2013
-       Hörbücher bei Dabbelju Verlag Köln und im Selbstverlag Pulheim, u. a.:
Leeven Här Tirekter; Et Bess vum Ingeborg F. Müller (1/2); Dat dat dat darf.
./.
"Kölsch" (veraltet "Kölnisch") ist die nach Sprecherzahl größte Variante des Ripuarischen und des Zentralripuarischen innerhalb des Mittelfränkischen. Es wird in Köln und in Varianten im Umland gesprochen.
"Kölsch" wird in einem ausführlichen Wikipedia-Artikel beschrieben; die Lage von Köln im ripuarischen Mundartraum zwischen dem Niederfränkischen und dem Moselfränkischen wird dort auch in kartografischer Übersicht dargestellt.

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